Wechseljahre & ADHS
Wenn hormonelle Veränderungen das Nervensystem herausfordern





Viele Frauen mit ADHS spüren in den Wechseljahren eine plötzliche und tiefgreifende Veränderung
Die Konzentration lässt nach. Die Stimmung kippt schneller. Der Schlaf wird unruhig. Was vorher noch irgendwie kompensierbar war, gerät nun ins Wanken.
Der Grund: Hormonelle Umstellungen treffen auf ein ohnehin sensibles Nervensystem. Und genau das wird bei ADHS in der Perimenopause oft unterschätzt – im medizinischen Alltag, im Umfeld, manchmal auch von einem selbst.
Die 1/3-Regel – warum manche Frauen so stark betroffen sind
1/3:
kaum Beschwerden – Alltag bleibt weitgehend stabil
1/3:
moderate körperliche und emotionale Beschwerden
1/3:
starke, lebensverändernde Beschwerden –
Alltag bricht weg
Gerade in diesem letzten Drittel geraten viele Frauen in eine existenzielle Krise – ohne zu wissen, warum.
Gerade in diesem letzten Drittel geraten viele Frauen in eine existenzielle Krise – ohne zu wissen, warum.
Ich wage die These: Ein erheblicher Teil dieser stark betroffenen Frauen lebt mit einem bislang unerkannten ADHS. Jahrzehntelanges Funktionieren bricht plötzlich zusammen – hormonelle Schwankungen bringen das fein austarierte innere Gleichgewicht ins Wanken.
Wir brauchen ein neues medizinisches Verständnis: Eines, das weibliche Biologie, hormonelle Veränderungen und neurobiologische Realität zusammendenkt – und Frauen nicht länger allein lässt mit ihren Symptomen.
Typische ADHS-Symptome in den Wechseljahren bei Frauen
- Verstärkte Konzentrationsstörungen & Vergesslichkeit
- Reizbarkeit, emotionale Instabilität & Stimmungstiefs
- Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Brain Fog
- Impulsivität, Unruhe, Entscheidungsprobleme
- Verminderte Belastbarkeit, Rückzug, depressive Verstimmungen
Viele meiner Patientinnen berichten, dass sie sich in den Wechseljahren plötzlich selbst nicht mehr wiedererkennen – als wäre ein inneres Gleichgewicht verlorengegangen, das sie bis dahin irgendwie aufrechterhalten konnten.
So war es auch bei mir: Ich hatte lange funktioniert, trotz Dauerstress, hormoneller Achterbahn und unerkanntem ADHS. Doch irgendwann ging es nicht mehr. Heute begleite ich genau die Frauen, die sich an diesem Punkt wiederfinden – damit sie nicht in sich zusammenbrechen müssen, sondern eine verständnisvolle, medizinisch fundierte Unterstützung finden.
Warum hormonelle Veränderungen ADHS-Symptome verstärken können
ADHS oder Wechseljahre? – So lässt es sich unterscheiden
- Zeitlicher Verlauf: ADHS-Symptome bestehen immer seit der Kindheit – unabhängig vom hormonellen Status.
- Hormonelle Sensitivität: Wechseljahrsbeschwerden treten natürlich unabhängig von ADHS auf. Doch ein ADHS-Gehirn reagiert häufig deutlich sensibler auf hormonelle Schwankungen. Viele Frauen berichten über zunehmendes PMS, Unverträglichkeit hormoneller Verhütung oder starke Reaktionen auf Zyklusveränderungen – oft Jahre, bevor die Wechseljahre äußerlich sichtbar werden.
- Körperliche Reaktionen: In der Perimenopause verschlechtern sich bereits bestehende Beschwerden – etwa intensivere Migräneanfälle oder zyklisch verstärkte Reaktionen auf bestimmte Nahrungsmittel. Histaminintoleranz tritt bei manchen Frauen erstmals in dieser Phase auf, häufig ausgelöst durch starke Östrogenschwankungen. Diese Beschwerden belasten das Nervensystem zusätzlich – und verstärken so bestehende ADHS-Symptome.
Ein Symptomtagebuch über mehrere Zyklen kann helfen, hormonelle Muster sichtbar zu machen.
Was in den Wechseljahren im Körper passiert
Perimenopause, Menopause & hormonelle Realität
Die Wechseljahre beginnen mit der Perimenopause – oft schon ab Anfang 40. Die Eizellqualität nimmt ab, wodurch weniger Östrogen produziert wird und der Eisprung seltener erfolgt. Dadurch sinkt zunächst das Progesteron – und das Östrogen beginnt stark zu schwanken.
Östrogen kann dabei regelrechte Klarheitsmomente verursachen – mit plötzlichem Anstieg von Libido, Konzentration und innerer Ausgeglichenheit – gefolgt von abrupten Einbrüchen. Für viele Frauen mit ADHS fühlt sich das an wie ein ständiges Auf und Ab zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.
Was häufig übersehen wird: Das Gehirn braucht Östrogen, damit Dopamin – der zentrale Botenstoff bei ADHS – stabil wirken kann. Wenn Östrogen sinkt oder stark schwankt, gerät das dopaminerge System aus dem Gleichgewicht. Viele Frauen beschreiben dann, dass sie sich „nicht mehr wiedererkennen“, emotional instabiler werden oder stark an Konzentration verlieren.
Diese Phasen können im schlimmsten Fall in einen völligen Zusammenbruch münden – beruflich, sozial, emotional. Wenn der Zusammenhang zwischen hormonellen Schwankungen und einem bisher unerkannten ADHS nicht erkannt wird, bleibt die gezielte Behandlung aus – und der Leidensdruck steigt weiter an.
Diagnostik & Therapie – individuell statt pauschal
Laborwerte & Zyklusbeobachtung
Ein einzelner Blutwert reicht nicht aus. Aussagekräftiger ist die Kombination aus:
- Zyklus- und Symptomtagebuch
- Hormonspiegel (FSH, LH, Östrogen, Progesteron)
- Klinischer Einschätzung
Typische Abnahmezeitpunkte:
- Zyklustag 3–5: Basiswerte (FSH, LH, Östradiol)
- Zyklustag 19-22 (ca. 7 Tage nach Eisprung): Progesteron
Hormontherapie (HRT)
Für viele Frauen mit ADHS kann eine gut abgestimmte Hormontherapie eine spürbare Erleichterung bringen – körperlich und emotional.
- Östrogen stabilisiert Stimmung, Konzentration, Schlaf und vegetative Symptome – es wirkt bei ADHS wie ein fehlender Baustein im dopaminergen System.
- Progesteron beruhigt und fördert den Schlaf – wirkt bei zu hoher Dosierung jedoch oft paradox.
Wichtig: Östrogen baut die Schleimhaut auf – Progesteron baut sie wieder ab. Wenn eine Gebärmutter vorhanden ist, muss Progesteron daher immer mitgegeben werden.
Viele meiner Patientinnen berichten: Erst die Kombination aus fein dosierten Hormonen und passender ADHS-Medikation hat das Gefühl gegeben, wieder „bei sich selbst angekommen zu sein“.
ADHS-Medikation in den Wechseljahren
- Stimulanzien wie Lisdexamfetamin oder Methylphenidat bleiben ein zentraler Baustein der ADHS-Behandlung – auch in den Wechseljahren.
- Sie unterstützen Fokus, Impulskontrolle und emotionale Stabilität.
- Häufig sind Dosisanpassungen, andere Einnahmezeiten oder Pausen nötig.
- Hormonelle Veränderungen beeinflussen die Wirkung – es braucht Erfahrung in der Kombination.
Ganzheitliche Ansätze – kleine Schritte, große Wirkung
Nicht jede Frau möchte oder kann direkt mit einer Hormontherapie beginnen. Manche haben große Bedenken – andere sind unsicher, was überhaupt helfen könnte. Umso wichtiger ist eine gute, ärztlich fundierte Aufklärung – idealerweise im vertrauensvollen Zusammenspiel von Psychiater:in und Gynäkologin. So lässt sich gemeinsam die passende Therapie finden – individuell, Schritt für Schritt und mit dem Ziel, Ängste abzubauen und wirksam zu entlasten.
Medikamente & Mikronährstoffe:
- Antidepressiva können bei begleitenden Depressionen oder Angststörungen eine wertvolle Unterstützung sein – besonders, wenn hormonelle Schwankungen das emotionale Gleichgewicht zusätzlich belasten.
- Melatonin hilft bei Schlafproblemen und kann insbesondere bei ADHS eine wertvolle Unterstützung für den zirkadianen Rhythmus sein.
- Omega-3-Fettsäuren, Magnesium, Vitamin D und B-Vitamine können unterstützend wirken – sie fördern Stressregulation, Stimmungslage und kognitive Leistungsfähigkeit, ersetzen aber keine ADHS-Medikation.
Lebensstil & Selbstfürsorge:
- Bewegung, Yoga, Achtsamkeit und strukturierende Routinen stärken das Nervensystem und fördern die innere Balance.
ADHS-Coaching & Gruppentherapie:
- Fördern Klarheit, Selbstregulation und Verbindung.
- Helfen, sich nicht mehr allein zu fühlen – und neue Strategien zu entwickeln.
Fazit - Die Wechseljahre als Wendepunkt begreifen
Die Wechseljahre sind kein Defizit. Aber sie sind ein Wendepunkt – körperlich, emotional, hormonell. Wenn ein unerkanntes ADHS hinzukommt, kann das ganze Leben ins Wanken geraten. Doch genau darin liegt auch eine Chance: sich neu zu verstehen und individuell zu begleiten.
Selbsttest ADHS & hormonelle Veränderungen: Finden Sie erste Hinweise – zu den Selbsttests
Termin vereinbaren: Für eine ärztlich fundierte Einschätzung.
In Kürze entsteht außerdem unsere digitale ADHS-Community für Frauen – ein geschützter Ort für Verbindung, Klarheit und neue Handlungsspielräume.
Was Sie erwartet:
- Austausch in moderierten Gruppen
- Selbsthilfe- und Lernkurse rund um ADHS, Hormone & Selbstfürsorge
- Impulse aus Alltagserfahrung, Fachwissen und ehrlichem Miteinander
Ein Raum ohne Rechtfertigungen. Hier können Sie erzählen, wie es wirklich ist, und sich mit Frauen austauschen, die das Gleiche kennen. Das macht vieles leichter und Sie merken, dass Sie nicht allein sind.